avant-garde (RAF)

2000/04

Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF-Ausstellung
KUNST-WERKE Berlin



Neue Galerie Graz, Österreich 2005

 

Der Begriff „Avantgarde“ taucht vielfach in den Schriften der RAF auf. Avantgarde wird hier als ein sozialistischer Kader definiert, der den antiimperialistischen Kampf einleitet; eine revolutionäre Gruppe, eine Vorhut, die für die Befreiung der proletarischen Massen kämpft. Das Konzept Stadtguerilla beinhaltet ein Bekenntnis zur Idee der Avantgarde, die vorangehen soll. „Wir behaupten, daß ohne revolutionäre Initiative, ohne die praktische revolutionäre Intervention der Avantgarde, der sozialistischen Arbeiter und Intellektuellen, ohne den konkreten antiimperialistischen Kampf es keinen Vereinheitlichungsprozeß gibt, daß das Bündnis nur in gemeinsamen Kämpfen hergestellt wird oder nicht, in denen der bewußte Teil der Arbeiter und Intellektuellen nicht Regie zu führen, sondern voranzugehen hat.“ Die Aufhebung der Kunst in ihrer lebenspraktischen Verwirklichung war ein wesentliches Anliegen der künstlerischen Avantgarde. Politische Intervention statt künstlerische Autonomie wurde gefordert. Wenn man die RAF – jenseits von ethischen Fragestellungen – als Künstlerkollektiv begreift, erkennt man im Konzept dieser terroristischen Avantgarde wesentliche Intentionen der avantgardistischen Kunst wieder. Sowohl die politisierte künstlerische Avantgarde als auch die avantgardistische Stadtguerilla fordern das Primat des existenziellen Inhalts und eine daraus resultierende revolutionäre Lebenspraxis.

Der Versuch, die Frage nach der Autonomie der Kunst innerhalb der traditionellen Medien der Kunst zu stellen, führt unweigerlich zur Auflösung dieser Autonomie, denn ohne außerkünstlerische Mittel, kann man sich diesem Thema nicht nähern. In dieser Bilderserie ist „Avantgarde“ das außerkünstlerische Sujet einer Inszenierung im Kunstkontext. Das Abbild des politischen Textes wird zum gemalten Bild; es wird pittoresk. Das Konzept Stadtguerilla wird hier als konzeptuelle Malerei domestiziert und mit Bildern einer selbst definierten „avantgardistischen“ Warenästhetik kontrastiert.

Der ursprünglich militärische Begriff „Avantgarde“ wandelte sich zur Bezeichnung für politische und künstlerische Bewegungen. Ähnlich der militärischen Verwendung des Begriffs wird mit Avantgarde eine Vorhut bezeichnet, die sich vor allen anderen in die Richtung eines Ziels bewegt. War das militärische Ziel das Feindesland, so bewegt sich die politische bzw. ästhetische Avantgarde auf ein Ziel zu, dessen Realisierung noch bevorsteht. Das ursprünglich räumliche Ziel wird zeitlich. Es werden meist gesellschaftsutopische oder ästhetische Ziele angestrebt, die in der Zukunft erreicht werden wollen. Diese Avantgardebewegung wird zu einem zeitlichen Vektor, der ein Ziel fokussiert und ihm entgegendrängt. Die vorhergehende Imagination des Ziels ist zentraler Bestandteil der Avantgardebewegung und wird meist als Manifest formuliert. Ohne imaginiertes, angestrebtes Telos gibt es keine Avantgarde. Daher lässt sich Avantgarde nur innerhalb eines teleologischen Geschichtsprogramms definieren.

Jenseits eines Fortschrittsmodells von Geschichte kann keine Bewegung Avantgarde sein. Avantgarde ist somit zu einem Stilbegriff geworden, der seine ursprüngliche Sprengkraft gänzlich verloren hat. Dies wird deutlich, wenn der Begriff im Marketingkontext auftaucht. So verwendet der Automobilhersteller Mercedes-Benz „Avantgarde“ als Bezeichnung für eine bestimmte Ausstattungslinie seiner Autos. Der einst revolutionäre Begriff bezeichnet heute ein bestimmtes Ensemble von Vogelaugenahorninterieur, Ledersitzen und sportlich abgestimmtem Fahrwerk. Avantgardist ist, wer sich beim Autokauf für dieses Produkt entscheidet. Nur der Konsum eröffnet uns heute noch die Perspektive, Teil einer Avantgarde zu werden.
(Theo Ligthart)

avant-garde (Mercedes) Acryl auf Leinwand 160x120
avant-garde (Mercedes) Acryl auf Leinwand 160x120

avant-garde (Napalm und Pudding) Acryl auf Leinwand 160x120
avant-garde (Napalm und Pudding) Acryl auf Leinwand 160x120

avant-garde (Über den bewaffneten Kam in Westeuropa) Acryl auf Leinwand 160x120

avant-garde (die C-Klasse) Acryl auf Leinwand 160x120
avant-garde (die C-Klasse) Acryl auf Leinwand 160x120

avant-garde (Das Konzept Stadtguerilla) Acryl auf Leinwand 160x120
avant-garde (Das Konzept Stadtguerilla) Acryl auf Leinwand 160x120

avant-garde (Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa) Acryl auf Leinwand 160x120


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